Josef, der gerecht war

Predigt des Generalvikars Prälat Dr. Vitus Huonder, Chur, zurzeit nun Bischof von Chur, am 19. März 2001 zum Josefstag – “Josef, ihr Mann, der gerecht war”:

Über diese Aussage des Evangeliums möchte ich heute mit euch nachdenken. Josef wird der Mann Mariens genannt, weil Maria ihm als Frau angetraut war. Nach jüdischem Recht finden wir uns in einer ersten Phase der Ehe, da Mann und Frau noch nicht zusammenwohnen, daher auch nicht ehelich zusammenleben. Aus heutiger Sicht würden wir eher von der Brautzeit sprechen, von der Verlobung. So können wir auch verstehen, warum Josef sich Gedanken machte, da die Jungfrau ein Kind erwartete. Josef war eben gerecht: „Josef, ihr Mann, der gerecht war …“

Gerecht zu sein hat in der Sprache der Heiligen Schrift eine besondere Bedeutung, jedenfalls eine weitere Bedeutung als im heutigen Sprachgebrauch. Im Buch Genesis wird uns geschildert, wie GOTT mit Abraham einen Bund schliesst. Dabei lesen wir: „Abraham glaubte dem Herrn, und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an.“ (Gen 15,6)

Glaube und Gerechtigkeit gehören eng zusammen.  Der Glaubende ist der Gerechte und der Gerechte ist ein Glaubender, ein gläubiger Mensch; der Gerechte ist ein Mensch, der sich GOTTES Wort gläubig zu Herzen nimmt. „Josef, ihr Mann, der gerecht war“, heisst soviel wie: „Josef, ihr Mann, der gläubig war“ – „Josef, ihr Mann, der den Glauben ernst nahm“ – „Josef, ihr Mann, der die Richtschnur des Glaubens befolgte“ – „Josef, ihr Mann, der GOTTES Gebote halten wollte“; das heisst schliesslich ganz allgemein: „Josef, ihr Mann, der auf GOTT hörte“.

Weil Josef auf GOTT hörte, wollte er kein Unrecht begehen. Er wollte nicht gegen GOTTES Weisungen verstossen. Er wollte sich daher auch nicht auf eine Frau einlassen, welche offensichtlich nicht von ihm schwanger war. Denn es war die Absicht, mit seiner Braut die Ehe im Sinne eines jüdischen Glaubens korrekt vorzubereiten und zu führen, eine Ehe in Gottesfurcht, in Frömmigkeit, eine Ehe nach dem Willen und  den Weisungen GOTTES. Das alles meint der Hinweis: „Josef, ihr Mann, der gerecht war“.

Weil Josef gerecht war, besass er aber eine Fähigkeit, welche ihn über seine Pläne, über seine Absichten hinauswachsen liess. Als Gerechter war er fähig, seine Pläne fallen zu lassen und auf GOTTES Absichten einzugehen. Er war für GOTTES Anruf offen. So nimmt er dann auch die Offenbarung durch den Engel ernst. Er lässt sich über die wunderbare Empfängnis des SOHNES GOTTES belehren und nimmt die dadurch ihm neu gestellte Aufgabe als Pflegevater des HERRN und  als Schutzherr der Jungfrau Maria an. So kann der Evangelist die Begebenheit abschliessen mit dem Hinweis: „Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des HERRN ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.“ Auch dies ist ein Ausdruck, dass Josef gerecht ist: Er tut, was GOTT ihm aufträgt. Ganz wichtig ist es, in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die Gerechtigkeit ... mehr